Stadt | Land | Fluss

Landsberger Gold

Landsberg hat eine alte Bierbrautradition.
Das hiesige Reinheitsgebot ist sogar älter als das bayerische. Und: Ein junger Brauer braut noch heute Bier nach einem alten Rezept.

Ostern im Jahre 1622. Das Bier in Landsberg ist knapp. Haben doch tatsächlich 15 von 18 städtischen Bierbrauern ihr Bier aufs Land verkauft. Der Gewinn war einfach größer, denn die Preise dort werden nicht vom Rat festgelegt. Die Empörung der Städter war allerdings auch groß, und es hagelte Beschwerden. Die Beklagten wurden in Haft genommen und ihnen wurde befohlen, künftig kein Bier in die Dörfer zu verkaufen, bis die Bürgerschaft „zur Genüge damit versehen sei“. So nachzulesen bei Klaus Münzer, dem langjährigen, 2017 verstorbenen Vorsitzenden des Historischen Vereins. Er beruft sich auf das älteste erhaltene Ratsprotokoll aus dem Jahr 1622.

Bereits 1507 wurde in Landsberg ein Reinheitsgebot für das Brauen von Bier erlassen. Neun Jahre bevor das damalige Herzogtum Bayern sich dem heute berühmten bayerischen Reinheitsgebot verschrieb. Am 23. April 1516 wurde eine neue Landesordnung erlassen, die eine Textpassage enthält, auf die sich Bierbrauer bis heute berufen: „Wir wollen auch sonderlichen, das füran allenthalben in unnsern Steten, Märckten und auf dem Lannde, zu kainem Pier merer Stückh, dann allain Gersten, Hopffen unnd Wasser, genommen und gepraucht sollen werden.“ Die Vermarktungsmaschine der deutschen Bierbrauwirtschaft hat den 23. April später als Tag des Deutschen Bieres erkoren, an dem fortan an das Reinheitsgebot erinnert werden solle.

Die Namen der Säufer standen auf einer schwarzen Tafel.

Bier gebraut wird selbstverständlich schon viel, viel länger. Das älteste überlieferte Bierrezept ist 5.000 Jahre alt und stammt aus China. Die Ägypter ließen halbfertig gebackenes Brot mit Wasser vergären. Die Kelten kannten bereits mehrere Biersorten, meist aus Gerste und Honig hergestellt. Erst im Mittelalter wurde Kräuterbier durch das Hopfenbier verdrängt. Eine kleine Anekdote am Rande: Die Bezeichnung „flüssiges Brot“ hat einen historischen Hintergrund. Durch das Kochen der Bierwürze war das Getränk weitgehend keimfrei (was man vom damaligen Trinkwasser nicht sagen konnte) und galt daher in früheren Zeiten als geeignetes Getränk für Kinder.

Zurück nach Landsberg: Seit 1601 gab es eine eigene Handwerksordnung, die das Bierbrauen in der Stadt regelte. Sommer- und Winterbier durfte nicht vermengt werden. Der Stadtrat legte zweimal jährlich die Bierpreise fest (und profitierte natürlich von den Steuern und Abgaben). Die „Geschauer“ prüften die Qualität und schlechtes Bier wurde im Preis gemindert (das wurde „abschauen“ genannt). Das „abgeschaute“ Bier wurde auf eine schwarze Tafel geschrieben (das „Täfele“), wo der Rat im Übrigen auch die Namen der „Säufer“ schreiben ließ, „die durch ihren hohen Bierkonsum den Lebensunterhalt ihrer Familie gefährdeten“. An diese stadtbekannten Trinker durften die Wirte bei Strafe dann nichts mehr ausschenken. Die Landsberger Bierbrauer durften Gäste beherbergen, verköstigen und deren Pferde über Nacht einstallen, was zum Beispiel Weißbierzäpflern nicht gestattet war. Das obergärige Weißbier stammte aus den herzoglichen Weißbierbrauereien in Mering und Mindelheim.
In der Landsberger Altstadt tummelten sich zur Blütezeit des Gewerbes die untergärigen Brauer: das Gogglbräu, der Kratzer, das Dachauerbräu, das Zederbräu, der Oberfeigerl, das Jesenwangerbräu, das Wöhrlebräu und Christeinerbräu, das Nieberl- oder Bauernbräu, der Unterfeiger, das Nonnenböck und das Nonnenbräu, das Schafbräu, das Jungbräu, Malteserbräu, Süßbräu, Pfletschbräu und das Hofgrabenbräu.

Das Braurecht wurde für jeweils sieben Tage verlost, damit der Konkurrenzdruck nicht so groß war. Nur an den drei Tagen des Veitsmarkts durften alle Brauer gleichzeitig ihr Märzenbier ausschenken.

Fotos: Landsberger Geschichtsblätter 2013, Bertl-Magazin

Das untergärige Helle konnte nur in den Wintermonaten hergestellt werden, da die Gärung bei Temperaturen zwischen vier und acht Grad erfolgen musste, ebenso die Lagerung – das nicht pasteurisierte Bier verdarb bei höheren Temperaturen schnell. Um über den Sommer Bier zu lagern und gären zu lassen legten Bierbrauer zunächst tiefe Bierkeller unterhalb der Brauhäuser an.

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bauten fast alle städtischen Brauereien in den Vorstadtbereichen geräumige, sogenannte Sommerkeller, die das Brauen auf Vorrat und die Lagerhaltung ermöglichten. Zum Teil waren diese mit einem Bierausschank verbunden, und an schönen Tagen zogen viele Landsberger vor die Tore der Stadt, um in den Ausflugsgaststätten ihr Bier zu genießen.

Landsbergs letzte Brauerei: das Pfletschbräu

Nach 1900 begann der Niedergang der Landsberger Brauereien, eine nach der anderen musste schließen oder wurde aufgekauft. Das Waitzinger in der Augsburger Straße war Landsbergs letzte Brauerei, und sie gehörte eigentlich seit 1907 der in Miesbach ansässigen Waitzinger Bräu AG. 1977 stellte auch sie ihren Betrieb ein.
Die letzte echte Landsberger Privatbrauerei, das Pfletschbräu in der Alten Bergstraße, ging 1917 in den Besitz von Waitzinger über.
Als Reminiszenz an die alte Bierbrauertradition der Stadt haben zwei Landsberger IKG-Schüler, die Brüder Dominic und Maximilian Kauk, 2010 eine eigene Firma gegründet und sich mit der kleinen Augsburger Familienbrauerei Thorbräu zusammengetan. Gemeinsam mit einem alten Brauer vom Waitzinger entwickelten sie ein Rezept aus dem 19. Jahrhundert fort und vertrieben fortan ihr Landsberger Gold. Knapp zehn Jahre lang fuhren sie ihre kleine Produktion im alten Passat selbst aus. 2019 verkauften sie ihr Unternehmen an den jungen Brauer Stephan Albrecht, ebenfalls ein ehemaliger IKG-Schüler. Der ausgebildete Bierbraumeister aus Denklingen betreibt in Schongau eine kleine Gasthaus-Brauerei. Sein
Landsberger Gold gibt es heute in diversen Getränkemärkten im Landkreis zu kaufen.

Na dann, Prost Landsberg!

ZEDER-BRÄU

Zederbräu nach 1910, undatierte
kolorierte Postkarte, Privatbesitz von Werner Fees-Buchecker.
Heute: Hauptplatz 155

OBERFEIGERL-BRÄU

Bierbrauerei zum Oberfeigerl, 1910,
Bauakten, Stadtbauamt, Landsberg.
Heute: Ludwigstraße 162

NONNEN-BRÄU

Nonnenbräu um 1930,
Foto: Privatbesitz.
Heute: Hinterer Anger 300

MALTESER-BRÄU

Bierbraustätte, 1872,
Foto aus: Dagmar Dietrich und Heide
Weißhaar-Kiem, Landsberg am Lech, Band 2.
Heute: Malteserstraße 444c

SCHAF-BRÄU

Ehemaliger Brauereigasthof
Schaf-Bräu, 1902, Foto aus:
J.A. Hirschbeck, Stadtmuseum Landsberg.
Heute: Hinterer Anger 338

NONNENBÖCK

Ehemalige Brauerei Nonnenböck (rechts).
Foto aus: Dagmar Dietrich,
Landsberg am Lech, Band 3.
Heute: Vorderer Anger 284

CHRISTEINER-BRÄU

Der Christeinerbräu in den
1960er-Jahren, Postkarte, Privatbesitz von Werner Fees-Buchecker.
Heute: Vorderer Anger 209

JESENWANGER-BRÄU

Ehemaliger Jesenwanger-Bräu, 1993, links neben dem Pfarrhof, Foto aus:
Dagmar Dietrich, Landsberg am Lech, Band 3.
Heute: Ludwigstraße 166

KRATZER-BRÄU

Der Kratzer Bräu um 1938,
Postkarte Privatbesitz.
Heute: Hubert-von-Herkomer-Straße 74

Bierbrauer Stephan Albrecht und sein
„Landsberger Gold“.

Stadt | Land | Fluss

Landsberger Gold

Landsberg hat eine alte Bierbrautradition.
Das hiesige Reinheitsgebot ist sogar älter als das bayerische. Und: Ein junger Brauer braut noch heute Bier nach einem alten Rezept.

Ostern im Jahre 1622. Das Bier in Landsberg ist knapp. Haben doch tatsächlich 15 von 18 städtischen Bierbrauern ihr Bier aufs Land verkauft. Der Gewinn war einfach größer, denn die Preise dort werden nicht vom Rat festgelegt. Die Empörung der Städter war allerdings auch groß, und es hagelte Beschwerden. Die Beklagten wurden in Haft genommen und ihnen wurde befohlen, künftig kein Bier in die Dörfer zu verkaufen, bis die Bürgerschaft „zur Genüge damit versehen sei“. So nachzulesen bei Klaus Münzer, dem langjährigen, 2017 verstorbenen Vorsitzenden des Historischen Vereins. Er beruft sich auf das älteste erhaltene Ratsprotokoll aus dem Jahr 1622.

Bereits 1507 wurde in Landsberg ein Reinheitsgebot für das Brauen von Bier erlassen. Neun Jahre bevor das damalige Herzogtum Bayern sich dem heute berühmten bayerischen Reinheitsgebot verschrieb. Am 23. April 1516 wurde eine neue Landesordnung erlassen, die eine Textpassage enthält, auf die sich Bierbrauer bis heute berufen: „Wir wollen auch sonderlichen, das füran allenthalben in unnsern Steten, Märckten und auf dem Lannde, zu kainem Pier merer Stückh, dann allain Gersten, Hopffen unnd Wasser, genommen und gepraucht sollen werden.“ Die Vermarktungsmaschine der deutschen Bierbrauwirtschaft hat den 23. April später als Tag des Deutschen Bieres erkoren, an dem fortan an das Reinheitsgebot erinnert werden solle.

Die Namen der Säufer standen auf einer schwarzen Tafel.

Bier gebraut wird selbstverständlich schon viel, viel länger. Das älteste überlieferte Bierrezept ist 5.000 Jahre alt und stammt aus China. Die Ägypter ließen halbfertig gebackenes Brot mit Wasser vergären. Die Kelten kannten bereits mehrere Biersorten, meist aus Gerste und Honig hergestellt. Erst im Mittelalter wurde Kräuterbier durch das Hopfenbier verdrängt. Eine kleine Anekdote am Rande: Die Bezeichnung „flüssiges Brot“ hat einen historischen Hintergrund. Durch das Kochen der Bierwürze war das Getränk weitgehend keimfrei (was man vom damaligen Trinkwasser nicht sagen konnte) und galt daher in früheren Zeiten als geeignetes Getränk für Kinder.

Zurück nach Landsberg: Seit 1601 gab es eine eigene Handwerksordnung, die das Bierbrauen in der Stadt regelte. Sommer- und Winterbier durfte nicht vermengt werden. Der Stadtrat legte zweimal jährlich die Bierpreise fest (und profitierte natürlich von den Steuern und Abgaben). Die „Geschauer“ prüften die Qualität und schlechtes Bier wurde im Preis gemindert (das wurde „abschauen“ genannt). Das „abgeschaute“ Bier wurde auf eine schwarze Tafel geschrieben (das „Täfele“), wo der Rat im Übrigen auch die Namen der „Säufer“ schreiben ließ, „die durch ihren hohen Bierkonsum den Lebensunterhalt ihrer Familie gefährdeten“. An diese stadtbekannten Trinker durften die Wirte bei Strafe dann nichts mehr ausschenken. Die Landsberger Bierbrauer durften Gäste beherbergen, verköstigen und deren Pferde über Nacht einstallen, was zum Beispiel Weißbierzäpflern nicht gestattet war. Das obergärige Weißbier stammte aus den herzoglichen Weißbierbrauereien in Mering und Mindelheim.
In der Landsberger Altstadt tummelten sich zur Blütezeit des Gewerbes die untergärigen Brauer: das Gogglbräu, der Kratzer, das Dachauerbräu, das Zederbräu, der Oberfeigerl, das Jesenwangerbräu, das Wöhrlebräu und Christeinerbräu, das Nieberl- oder Bauernbräu, der Unterfeiger, das Nonnenböck und das Nonnenbräu, das Schafbräu, das Jungbräu, Malteserbräu, Süßbräu, Pfletschbräu und das Hofgrabenbräu.

Das Braurecht wurde für jeweils sieben Tage verlost, damit der Konkurrenzdruck nicht so groß war. Nur an den drei Tagen des Veitsmarkts durften alle Brauer gleichzeitig ihr Märzenbier ausschenken.

Fotos: Landsberger Geschichtsblätter 2013, Bertl-Magazin

Das untergärige Helle konnte nur in den Wintermonaten hergestellt werden, da die Gärung bei Temperaturen zwischen vier und acht Grad erfolgen musste, ebenso die Lagerung – das nicht pasteurisierte Bier verdarb bei höheren Temperaturen schnell. Um über den Sommer Bier zu lagern und gären zu lassen legten Bierbrauer zunächst tiefe Bierkeller unterhalb der Brauhäuser an.

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bauten fast alle städtischen Brauereien in den Vorstadtbereichen geräumige, sogenannte Sommerkeller, die das Brauen auf Vorrat und die Lagerhaltung ermöglichten. Zum Teil waren diese mit einem Bierausschank verbunden, und an schönen Tagen zogen viele Landsberger vor die Tore der Stadt, um in den Ausflugsgaststätten ihr Bier zu genießen.

Landsbergs letzte Brauerei: das Pfletschbräu

Nach 1900 begann der Niedergang der Landsberger Brauereien, eine nach der anderen musste schließen oder wurde aufgekauft. Das Waitzinger in der Augsburger Straße war Landsbergs letzte Brauerei, und sie gehörte eigentlich seit 1907 der in Miesbach ansässigen Waitzinger Bräu AG. 1977 stellte auch sie ihren Betrieb ein.
Die letzte echte Landsberger Privatbrauerei, das Pfletschbräu in der Alten Bergstraße, ging 1917 in den Besitz von Waitzinger über.
Als Reminiszenz an die alte Bierbrauertradition der Stadt haben zwei Landsberger IKG-Schüler, die Brüder Dominic und Maximilian Kauk, 2010 eine eigene Firma gegründet und sich mit der kleinen Augsburger Familienbrauerei Thorbräu zusammengetan. Gemeinsam mit einem alten Brauer vom Waitzinger entwickelten sie ein Rezept aus dem 19. Jahrhundert fort und vertrieben fortan ihr Landsberger Gold. Knapp zehn Jahre lang fuhren sie ihre kleine Produktion im alten Passat selbst aus. 2019 verkauften sie ihr Unternehmen an den jungen Brauer Stephan Albrecht, ebenfalls ein ehemaliger IKG-Schüler. Der ausgebildete Bierbraumeister aus Denklingen betreibt in Schongau eine kleine Gasthaus-Brauerei. Sein
Landsberger Gold gibt es heute in diversen Getränkemärkten im Landkreis zu kaufen.

Na dann, Prost Landsberg!

ZEDER-BRÄU

Zederbräu nach 1910, undatierte
kolorierte Postkarte, Privatbesitz von Werner Fees-Buchecker.
Heute: Hauptplatz 155

OBERFEIGERL-BRÄU

Bierbrauerei zum Oberfeigerl, 1910,
Bauakten, Stadtbauamt, Landsberg.
Heute: Ludwigstraße 162

NONNEN-BRÄU

Nonnenbräu um 1930,
Foto: Privatbesitz.
Heute: Hinterer Anger 300

MALTESER-BRÄU

Bierbraustätte, 1872,
Foto aus: Dagmar Dietrich und Heide
Weißhaar-Kiem, Landsberg am Lech, Band 2.
Heute: Malteserstraße 444c

SCHAF-BRÄU

Ehemaliger Brauereigasthof
Schaf-Bräu, 1902, Foto aus:
J.A. Hirschbeck, Stadtmuseum Landsberg.
Heute: Hinterer Anger 338

NONNENBÖCK

Ehemalige Brauerei Nonnenböck (rechts).
Foto aus: Dagmar Dietrich,
Landsberg am Lech, Band 3.
Heute: Vorderer Anger 284

CHRISTEINER-BRÄU

Der Christeinerbräu in den
1960er-Jahren, Postkarte, Privatbesitz von Werner Fees-Buchecker.
Heute: Vorderer Anger 209

JESENWANGER-BRÄU

Ehemaliger Jesenwanger-Bräu, 1993, links neben dem Pfarrhof, Foto aus:
Dagmar Dietrich, Landsberg am Lech, Band 3.
Heute: Ludwigstraße 166

KRATZER-BRÄU

Der Kratzer Bräu um 1938,
Postkarte Privatbesitz.
Heute: Hubert-von-Herkomer-Straße 74

Bierbrauer Stephan Albrecht und sein
„Landsberger Gold“.

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