Local Heroes

Ein Besuch, den man (nicht) vergisst

Hunde sind besondere Verbündete im Umgang mit demenziell veränderten Menschen. Ihr freundliches Wesen und ihre wortlose Kommunikation öffnen Türen, die Menschen oft verschlossen bleiben. Wir haben eine vierbeinige Therapeutin bei einem Einsatz begleitet.

Streicheln, kuscheln und ein bisschen spielen: Kirsten Berg und ihre Hündin
Tammy lieben die Besuche in der Demenzstation des Kreisseniorenheims in Greifenberg.

Durch das schwere Treppenschutzgitter, die Stufen hinauf – dann öffnet sich der Speisesaal der Wohngruppe 4. Neun ältere Menschen sitzen in ihren Rollstühlen beieinander. Manche haben die Augen zu. Sie scheinen in ihrer eigenen Welt versunken. Andere folgen mit ihren Blicken der Besucherin. Im Kreisseniorenheim Theresienbad in Greifenberg leben um die 90 Senior:innen. Die meisten von ihnen sind dement – ihr Gedächtnis funktioniert nicht mehr. Ihr Leben änderte sich zunächst unmerklich. Still und leise verschiebt die Krankheit Erinnerungen wie Spielsteine auf einem Brett: erst der Name der Nachbarin, dann der Titel eines Theaterstücks. Und irgendwann verschwinden ganze Lebensgeschichten.  So wirklich weiß niemand, wie es in einem Menschen mit Demenz aussieht. Normale Gespräche werden erst schwierig, irgendwann unmöglich. Die Krankheit verändert die Persönlichkeit. Das Erinnerungs- und Denkvermögen schwindet. Was bleibt ist das Hier und Jetzt. Und das reicht Tammy und Kirsten.

Die sechsjährige Golden Retriever-Hündin Tammy schreitet gelassen in den Speisesaal. Ihre Besitzerin Kirsten Berg beschreibt sie als sensibel, offen und ziemlich verschmust. Tammy hat goldfarbenes Fell, knopfrunde, braune Augen und ein hellblaues Tuch um den Hals geknotet. „Hund & Besuch“ steht darauf in grünen Buchstaben geschrieben. Ihre „Arbeitsuniform“. Denn Tammy ist heute im Einsatz. 

Seit 2021 sind Hündin und Helferin ehrenamtlich für den Verein Hund & Besuch unterwegs. „Hunde sind Eisbrecher“, sagt Kirsten Berg. Von Demenz betroffene Menschen, die beispielsweise nicht mehr sprechen und keine Mimik zeigen, öffnen sich und wollen das Tier berühren. Manche Begegnungen wecken sogar wieder längst verloren geglaubte Erinnerungen – etwa an den eigenen geliebten Hund. Das Ganze nennt man hundgestützte Aktivierung. Dabei werden die Patient:innen zu Bewegungen angereizt. Durch das Streicheln wird Oxytocin ausgeschüttet – das sogenannte ‚Kuschelhormon,. Kurz gesagt: Es wirkt in unserem Körper genau wie ein Stück Schokolade. Oder noch besser: wie eine ganze Tafel Schokolade.

Doch Tammys Besuch liegt nicht wie Gold auf den Hüften. Er ist goldwert. Er trifft mitten ins Herz. In den starren Gesichtern der Bewohner:innen macht sich ein Lächeln breit. Um ihre Augen graben sich die altersbedingten Fältchen noch tiefer in die dünne Haut. Ihre von Arthrose deformierten Finger strecken sie nach der Hündin. Manche wollen sogar ein Spielzeug werfen. Sie freuen sich deutlich. Ein paar wenige erkennen Tammy sogar wieder. Im Speisesaal der Wohngruppe 4 sitzen nun Menschen zusammen, die gemeinsam Spaß haben. Wenn auch nur für einen Moment. Bis dieser wieder in im Nebel der Vergesslichkeit verschwindet. Für die Arbeit mit Menschen müssen Hunde, so Kirsten Berg, grundsätzlich ein offenes Wesen haben und gerne auf Fremde zugehen. Schließlich sollen die Vierbeiner an den Besuchen mindestens genauso viel Freude haben. Besonders wichtig ist, vorab zu wissen, wie der Hund in unerwarteten Situationen reagiert – ob er sich zurückzieht oder im schlimmsten Fall aggressiv wird. Außerdem brauche es eine gute Bindung zum Besitzer oder zur Besitzerin. Denn auch der Hund muss sich verlassen können. Nur dann machen die Vierbeiner diese spezielle Arbeit gut und gerne. 

Nach einer Stunde wird Tammy müde. Auch Hunden kann es irgendwann „zu viel“ werden. Tammys „Schicht“ ist damit vorbei. Dann lösen sie die beiden Katzen des Hauses ab – ehemalige Haustiere der Bewohner:innen. Ab und zu kommt auch eine Besuchskatze herein – oder zwei. Ganz so sicher ist man sich hier nie. Schließlich waren schon mal ein Esel und drei Hühner zu Besuch. Eins steht fest: Jeder Besuch ist im Kreisseniorenheim Theresienbad willkommen.

Über den Verein

Hund & Besuch e.V. wurde 2014 gegründet. Rund 20 ehrenamtliche Mensch-Hunde-Teams besuchen regelmäßig Senioreneinrichtungen, Krankenhäuser, Schulen und Privatpersonen im Landkreis Landsberg und darüber hinaus. Neue Mitglieder – ob groß oder klein, wuschelig oder glatt – sind jederzeit willkommen. Jeder den Menschen zugewandte, freundliche und in gutem Gehorsam stehende Hund ist geeignet, als Besuchshund aktiv zu werden und andere glücklich zu machen.

Kontakt über E-Mail: info@hundundbesuch.de

 Text & Foto: Sandy Kesner
Local Heroes

Ein Besuch, den man (nicht) vergisst

Hunde sind besondere Verbündete im Umgang mit demenziell veränderten Menschen. Ihr freundliches Wesen und ihre wortlose Kommunikation öffnen Türen, die Menschen oft verschlossen bleiben. Wir haben eine vierbeinige Therapeutin bei einem Einsatz begleitet.

Streicheln, kuscheln und ein bisschen spielen: Kirsten Berg und ihre Hündin
Tammy lieben die Besuche in der Demenzstation des Kreisseniorenheims in Greifenberg.

Durch das schwere Treppenschutzgitter, die Stufen hinauf – dann öffnet sich der Speisesaal der Wohngruppe 4. Neun ältere Menschen sitzen in ihren Rollstühlen beieinander. Manche haben die Augen zu. Sie scheinen in ihrer eigenen Welt versunken. Andere folgen mit ihren Blicken der Besucherin. Im Kreisseniorenheim Theresienbad in Greifenberg leben um die 90 Senior:innen. Die meisten von ihnen sind dement – ihr Gedächtnis funktioniert nicht mehr. Ihr Leben änderte sich zunächst unmerklich. Still und leise verschiebt die Krankheit Erinnerungen wie Spielsteine auf einem Brett: erst der Name der Nachbarin, dann der Titel eines Theaterstücks. Und irgendwann verschwinden ganze Lebensgeschichten.  So wirklich weiß niemand, wie es in einem Menschen mit Demenz aussieht. Normale Gespräche werden erst schwierig, irgendwann unmöglich. Die Krankheit verändert die Persönlichkeit. Das Erinnerungs- und Denkvermögen schwindet. Was bleibt ist das Hier und Jetzt. Und das reicht Tammy und Kirsten.

Die sechsjährige Golden Retriever-Hündin Tammy schreitet gelassen in den Speisesaal. Ihre Besitzerin Kirsten Berg beschreibt sie als sensibel, offen und ziemlich verschmust. Tammy hat goldfarbenes Fell, knopfrunde, braune Augen und ein hellblaues Tuch um den Hals geknotet. „Hund & Besuch“ steht darauf in grünen Buchstaben geschrieben. Ihre „Arbeitsuniform“. Denn Tammy ist heute im Einsatz. 

Seit 2021 sind Hündin und Helferin ehrenamtlich für den Verein Hund & Besuch unterwegs. „Hunde sind Eisbrecher“, sagt Kirsten Berg. Von Demenz betroffene Menschen, die beispielsweise nicht mehr sprechen und keine Mimik zeigen, öffnen sich und wollen das Tier berühren. Manche Begegnungen wecken sogar wieder längst verloren geglaubte Erinnerungen – etwa an den eigenen geliebten Hund. Das Ganze nennt man hundgestützte Aktivierung. Dabei werden die Patient:innen zu Bewegungen angereizt. Durch das Streicheln wird Oxytocin ausgeschüttet – das sogenannte ‚Kuschelhormon,. Kurz gesagt: Es wirkt in unserem Körper genau wie ein Stück Schokolade. Oder noch besser: wie eine ganze Tafel Schokolade.

Doch Tammys Besuch liegt nicht wie Gold auf den Hüften. Er ist goldwert. Er trifft mitten ins Herz. In den starren Gesichtern der Bewohner:innen macht sich ein Lächeln breit. Um ihre Augen graben sich die altersbedingten Fältchen noch tiefer in die dünne Haut. Ihre von Arthrose deformierten Finger strecken sie nach der Hündin. Manche wollen sogar ein Spielzeug werfen. Sie freuen sich deutlich. Ein paar wenige erkennen Tammy sogar wieder. Im Speisesaal der Wohngruppe 4 sitzen nun Menschen zusammen, die gemeinsam Spaß haben. Wenn auch nur für einen Moment. Bis dieser wieder in im Nebel der Vergesslichkeit verschwindet. Für die Arbeit mit Menschen müssen Hunde, so Kirsten Berg, grundsätzlich ein offenes Wesen haben und gerne auf Fremde zugehen. Schließlich sollen die Vierbeiner an den Besuchen mindestens genauso viel Freude haben. Besonders wichtig ist, vorab zu wissen, wie der Hund in unerwarteten Situationen reagiert – ob er sich zurückzieht oder im schlimmsten Fall aggressiv wird. Außerdem brauche es eine gute Bindung zum Besitzer oder zur Besitzerin. Denn auch der Hund muss sich verlassen können. Nur dann machen die Vierbeiner diese spezielle Arbeit gut und gerne. 

Nach einer Stunde wird Tammy müde. Auch Hunden kann es irgendwann „zu viel“ werden. Tammys „Schicht“ ist damit vorbei. Dann lösen sie die beiden Katzen des Hauses ab – ehemalige Haustiere der Bewohner:innen. Ab und zu kommt auch eine Besuchskatze herein – oder zwei. Ganz so sicher ist man sich hier nie. Schließlich waren schon mal ein Esel und drei Hühner zu Besuch. Eins steht fest: Jeder Besuch ist im Kreisseniorenheim Theresienbad willkommen.

Über den Verein

Hund & Besuch e.V. wurde 2014 gegründet. Rund 20 ehrenamtliche Mensch-Hunde-Teams besuchen regelmäßig Senioreneinrichtungen, Krankenhäuser, Schulen und Privatpersonen im Landkreis Landsberg und darüber hinaus. Neue Mitglieder – ob groß oder klein, wuschelig oder glatt – sind jederzeit willkommen. Jeder den Menschen zugewandte, freundliche und in gutem Gehorsam stehende Hund ist geeignet, als Besuchshund aktiv zu werden und andere glücklich zu machen.

Kontakt über E-Mail: info@hundundbesuch.de

 Text & Foto: Sandy Kesner

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