
Ein Pfiff, ein Spruch, ein Blick – harmlos? Für viele Mädchen ist Catcalling Alltag und alles andere als harmlos. Kunstlehrerin Stephanie Kaltenecker macht mit ihren Schülerinnen das Unsichtbare sichtbar: 15 pinke Tonnen, gefüllt mit Erfahrungen, Schmerz –und Hoffnung auf Veränderung.
Ich möchte persönlich beginnen. Gestern Abend ist meine Tochter angemiaut worden. Von einem Mann 40plus. Es war schon dunkel, aber noch nicht spät, sie war auf dem Weg nachhause. Es ist nichts weiter passiert. Außer, dass dieses mulmige Gefühl sich in ihrem Gedächtnis eingenistet hat. Diese Angst vor Männern, die fast alle Frauen kennen.
Ich frage mich, was sind das für Männer? Und warum tun die das? Wollen sie Aufmerksamkeit und sind nur zu blöd (sorry, zu sozial inkompetent), um angemessen zu kommunizieren? Wollen sie vermeintliche Dominanz demonstrieren, weil sie gerade anderweitig frustriert sind? Sind sie underfucked (sorry, sexuell frustriert) und suchen ein Ventil? Ist es ein Spiel, dass wir Frauen nur nicht verstehen? Leider gesteht kein Mann, den ich frage, Frauen zu belästigen. Es sind immer die anderen. Merkwürdig nur, dass alle jungen Mädchen, die ich kenne, schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Angemiaut zu werden ist dabei noch die harmloseste.
Zwischen Angst und Aktion – ein Kunstprojekt gegen Belästigung
Stephanie Kaltenecker ist Kunstlehrerin am DZG sowie am Welfen-Gymnasium in Schongau. Sie ist ebenfalls Mutter einer Tochter. Sie sagt: „Als junge Frau kann man sich nicht wirklich frei bewegen. Die Angst ist ein ständiger Begleiter. Wenn man als Mädchen das erste Mal herablassende Sprüche, sexuelle Kommentare oder aufdringliche Komplimente hört, trägt man das oft lange mit sich herum und fragt sich, ob man vielleicht selbst das Problem ist.“
Im Rahmen eines besonderen Kunstprojekts reden die Mädchen das erste Mal in einem größeren Kreis über die „Übergriffe“, die sie erlebt haben. Bis dahin haben sie die belastenden Erfahrungen in der Regel für sich behalten oder thematisieren sie nur im allerengsten Freundinnenkreis. Eine Veröffentlichung ihrer erschütternden Aussagen mit Namen macht ihnen „ein ungutes Gefühl“, deshalb haben wir beschlossen alle Namen zu ändern.
- Anne (15): Beim Kellnern (Ferienjob) sagte ein erwachsener Mann: „Ich würde Dir ja mehr Trinkgeld geben, wenn Du größere Titten hättest.“
- Eva und Amelie (beide 15): Beim Einkaufen in Augsburg: Ein älterer Mann ruft ihnen hinterher: „Ich würde euch gerne in den Arsch ficken.“
- Schulausflug, in der Trambahn: Ein Mann setzt sich direkt hinter zwei Schülerinnen (Sofia und Isa, beide 15), beugt sich nach vorne, hält keinen Abstand und atmet die Mädchen an.
- Emily (16): Wurde von einem wildfremden Mann angebellt und gefragt, ob sie es freaky möge.
- Clara (14): Ein Mann hält im überfüllten Schul- und Linienbus immer Plätze für junge Mädchen frei, die Mädchen „dürfen“ sich dann innen ans Fenster setzen.
- Nadine (13): ist mit 4 befreundeten Jungs in der Stadt unterwegs. Ein fremder Mann sagt zu ihr: „Da hast Du ja heute noch viel Arbeit zu tun.“
Das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Alle von Stephanie Kalteneckers Schülerinnen berichten von ungenierten Blicken in der Bahn oder U-Bahn. Von Pfiffen, von Äußerungen wie „die ist geil“. Alle haben Angst nachts allein mit dem Zug nachhause zu fahren. (Siehe dazu ein Text aus der SZ unten).
Pinke Tonnen gegen Catcalling
Gemeinsam mit ihren Schülerinnen hat Stephanie Kaltenecker aus diesen belastenden Situationen ein Kunstprojekt entwickelt. 15 pinke, bemalte Tonnen stehen derzeit an unterschiedlichen öffentlichen Plätzen. Hier können Frauen Kleidungsstücke hineinwerfen. Oft sind diese mit den Sprüchen beschrieben, die die Frauen erlebt haben. Symbolisch, so Kaltenecker, können sie damit all die negativen Empfindungen und Erfahrungen im Zusammenhang mit Belästigung „entsorgen“.
Doch das Projekt geht noch einen Schritt weiter: Der „Müll“ wird transformiert. Aus all den Kleidungsstücken nähen die Schülerinnen ein Zelt. Ein Zelt, das einen Schutzraum darstellen soll und gleichzeitig gesellschaftliche Missstände visualisieren soll. Kollektives und Soziales Kunstprojekt nennt das der Kunstkurs. Das Zelt wird im April 2026 in der Rathausgalerie in Landsberg ausgestellt.
Denn: Es geht nicht nur um Kunst, sondern um das Recht auf Angstfreiheit im Alltag. Ich weiß immer noch nicht, was das für Männer sind und warum so sie sowas tun. Und über dick pics und die Angst beim Joggen haben wir noch gar nicht geredet. Aber solche Projekte machen Mut.
Instagram: attention.kunst

Kunstlehrerin Stephanie Kaltenecker präsentiert das Soziale Kunstprojekt Pinke Tonne im Rahmen der Langen Kunstnacht 2025.
Catcalling
ist eine Form der sexuellen Belästigung im öffentlichen Raum, bei der Personen (meist Frauen) von Fremden unerwünscht angerufen, angepfiffen, kommentiert oder mit sexualisierten Bemerkungen bedacht werden. Es reduziert Menschen auf ihr Äußeres, ignoriert deren Grenzen, kann einschüchternd oder bedrohlich wirken und verletzt die persönliche Würde.
Der Zusammenhang mit „Katze“ besteht darin, dass die Geräusche oder Rufe, die beim Catcalling verwendet werden (wie Pfeifen oder Lockrufe), an die Laute erinnern, mit denen man Katzen oder kleine Tiere anlocken will. Es gibt aktuell politische Bestrebungen (insbesondere von der SPD und einigen Bundesländern), Catcalling strafbar zu machen. Bis jetzt (Stand Oktober 2025) sind diese Reformen auf Bundesebene aber noch nicht Gesetz geworden.
Aus der SZ vom 20.10.2025
Junge Münchnerinnen und Münchner fühlen sich nachts in Bus und Bahn häufig unsicher. Viele meiden den öffentlichen Nahverkehr zu später Stunde – besonders junge Frauen. Das zeigt die repräsentative Studie des Kreisjugendrings (KJR) zur jungen Mobilität in der Stadt in Zusammenarbeit mit dem Institut für empirische Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Titel „Wie kommst du von A nach B?“
Während sich tagsüber mehr als 95 Prozent der jungen Menschen im öffentlichen Nahverkehr sicher fühlen, sind es in der Nacht nur 54 Prozent. 75 Prozent der Frauen meiden sogar den ÖPNV, bei den Männern 38 Prozent. Die KJR-Referentin für junge Politik, Theresa Baum, berichtet, mehr als 50 Prozent der Frauen hätten Strategien, um ihr Sicherheitsgefühl in der Bahn zu erhöhen, etwa den Haustürschlüssel bereitzuhalten, Augenkontakt zu meiden und das Handy ans Ohr zu legen. Fast 28 Prozent der jungen Frauen gaben an, im ÖPNV bereits sexuell bedrängt worden zu sein. Baum nannte diese Zahl „erschreckend“.
Standorte der Pinken Tonnen
Landsberg (z. B. Lechatelier und Heimerer Schulen), Schongau, Weilheim, Augsburg. Genaue Standorte über Instagram. Am 25. November stehen alle Tonnen ab 18.30 Uhr im Vorraum der Lechsporthalle Landsberg. Anlass: Die Veranstaltung Internationaler Tag gegen Gewalt gegen Frauen.





