Beide Hakler fertig … zieht! – Zwei junge Männer an einem Tisch. Die Knie sind an der Tischkante verkeilt. Ihre Gesichter angespannt, Schweißperlen glänzen auf der Stirn. Ein dünner Lederriemen, kaum zehn Zentimeter lang, schneidet sich tief in ihre Mittelfinger. Millisekundenlang passiert nichts – dann gibt einer nach. Ein Aufschrei, Applaus, und der Sieger reißt die Faust in die Höhe. Fingerhakeln, ein bayerisches Kräftemessen, hat wieder einmal seinen Sieger gefunden.
Ein Sport mit festen Regeln
Der Wettkampf ist streng geregelt. Zwei Männer sitzen sich an einem genormten Holztisch gegenüber. Ein Lederriemen verbindet ihre Finger. Auf das Kommando des Schiedsrichters wird gezogen. Wer den Gegner über die Tischkante reißt, gewinnt. Die Details wirken fast wie aus einem Ingenieurbüro: 109 Zentimeter lang muss der Tisch sein, 74 Zentimeter breit, 79 Zentimeter hoch. Hinter jedem Hakler sitzt ein „Auffänger“, der im Notfall das Zurückfallen abfängt. Erlaubt ist jeder Finger außer dem Daumen – am häufigsten kommt der Mittelfinger zum Einsatz. Und natürlich gibt es Alters- und Gewichtsklassen, damit sich David und Goliath nicht direkt gegenüberstehen.
Ursprung zwischen Wirtshaus und Wettkampf
Woher das Fingerhakeln kommt, weiß niemand so genau. In alten Wirtshäusern soll es Streit entschieden haben – wer stärker zieht, hat Recht. Andere Überlieferungen erzählen, dass Bauern ihre Kräfte auf diese Weise maßen, wenn Heumandl oder Maßkrüge nicht reichten. Sicher ist: Seit Jahrhunderten gehört es zum alpenländischen Brauchtum, besonders in Bayern und Tirol.
Früher noch ein launiger Zeitvertreib nach dem Kirchgang, hat sich das Hakeln längst zum organisierten Sport entwickelt. Heute gibt es Vereine, Gauen und einen Landesverband. Jährlich werden bayerische, alpenländische und sogar deutsche Meisterschaften ausgetragen, an denen hunderte Athleten teilnehmen.
Vor dem großen Ruck
Bevor der erste Lederriemen gespannt wird, herrscht konzentrierte Ruhe. Die Hakler stehen im Kreis, rollen die Schultern, dehnen die Finger, kreisen die Handgelenke. „Ohne Aufwärmen geht gar nix“, sagt Christoph Erdt, während er demonstrativ die Unterarme ausschüttelt. „Sonst hast gleich a Zerrung oder Schwellung – und dann is Feierabend.“
Das Aufwärmen dauert gut eine halbe Stunde. Kleine Hanteln, Gummibänder, Grifftrainer – jedes Detail zählt. Besonders die Finger müssen stabil sein, denn sie tragen beim Zug das gesamte Körpergewicht. Wer sie nicht richtig vorbereitet, riskiert Verletzungen.
Danach folgt das Techniktraining: kurzer Zug, kontrollierte Spannung, sauberer Griff. Immer wieder das gleiche Ritual, bis jeder Handgriff sitzt. Die Muskeln beben, der Schweiß glänzt – und doch bleibt ein Lächeln. Denn jeder weiß: Der Moment, in dem man am Tisch sitzt und das Kommando „zieht!“ ertönt, entscheidet sich schon hier – beim Aufwärmen.



Stehend von links: Wolfgang Arnold, Johannes Schubert, Christoph Erdt, Alexander Arnold. Kniend: Gerhard Sturm, Andreas Sturm.
Der Fingerhaklerverein Pflugdorf-Stadl
Der Fingerhaklerverein Pflugdorf-Stadl wurde 1971 vom Hans Zimmermann gegründet und ist Mitglied im Ammer-Gau. Heute zählt der Verein rund 180 Mitglieder, davon 25 aktive Hakler – 15 Erwachsene sowie 10 Kinder und Jugendliche. Das Einzugsgebiet umfasst Pflugdorf, Stadl und Issing. Erster Vorsitzender ist Alexander Arnold (30), zweiter Vorsitzender Christoph Erdt (38). Der Verein legt großen Wert auf Nachwuchsförderung: Das Einstiegsalter liegt bei etwa fünf Jahren, Fingerhakeln wird in vielen Familien von Generation zu Generation weitergegeben.
Der Sport gilt als reine Männersache – Frauen dürfen laut Statuten des Bayerischen Fingerhakler-Dachverbands nicht an Wettkämpfen teilnehmen. Sie unterstützen die Aktiven jedoch tatkräftig bei Veranstaltungen und Reisen. Die Pflugdorfer Hakler sind regelmäßig bei Gau- und Landesmeisterschaften vertreten und haben sich in den vergangenen Jahren durch starke Einzelleistungen und engagierte Nachwuchsarbeit einen festen Platz in der bayerischen Haklerszene erarbeitet.







